Die Wirkung von Filmmusik

Gestaltungsmöglichkeiten von Fimmusik Erschienen in digital production 03-1998

Filmmusik – jeder hört sie, jeder kennt sie. Doch was verbirgt sich hinter der Atmosphäre einer Auftragskomposition, die bei den meisten Produzenten schon gestern fertig sein sollte.

Heiko Klüh stellt mit seinem Artikel Wirkung und Grundregeln der Filmmusik vor und erläutert anhand des digital production animago AWARD 1998 Trailers die praktische Umsetzung einer Filmmusik.

Definition

Filmmusik wird eingesetzt, um die Wahrnehmung einzelner Filmszenen beziehungsweise einer Filmhandlung zu steuern.
Sie verstärkt visuelle Wirkungen, kanalisiert die Emotionen des Betrachters und gibt damit dem Filmschaffenden ein effektives Mittel in die Hand, den Zuschauer  zu jedem Zeitpunkt eines Films in einen berechenbaren Emotionszustand zu bringen, ohne dass diesem die Steuerung bewusst wird.

Bei einer Lautstärke von über 65 Phon (obere Zimmerlautstärke) kann man sogar gezielt unmittelbare körperliche Reaktionen beim Zuschauer auslösen. Nachgewiesene Auswirkungen sind beispielsweise veränderte Frequenzen des Herz- und Pulsschlags, der Atmung und Erweiterung der Blutgefäße.

Die Wirkung

Um die Wirkung eines Films zu entschlüsseln, muss man sich zunächst bewusst machen, dass „Film“ als Endprodukt aus Bild- und Tonanteilen (Wortsprache, Soundeffekte und Musik) besteht, wobei beide zu gleichen Teilen zur Wirkung beitragen. Bild- und Tonanteile werden dabei über die Organe Auge und Ohr wahrgenommen und jeweils in verschiedene Teile des Gehirns übermittelt.

Informationen, die über das Auge aufgenommen werden, sprechen beim Betrachter vermehrt das Denken an und ermöglichen einen sachlichen, nüchternen Zugang zum Film.

Über das Ohr hingegen werden besonders Gefühle und Stimmungen, die aus technischen Gründen bisher nicht übertragbar sind (zum Beispiel Gerüche, Hitze, Luftdruck et cetera) übermittelt.

Weil einseitige Informationsübermittlung langfristig zur Ermüdung des Zuschauers führt, wechseln in größeren Produktionen Filmpassagen mit und ohne Musik ab, um Denken und Fühlen abwechselnd anzusprechen und den Zuschauer ganzheitlich in die Handlung des Films einzubeziehen.

Der Klangeinsatz und dessen emotionaler Effekt

Variation der Lautstärke

  • Laute Klänge wirken erfreulich, leicht, spröde, rührend, freudig erregend, reizvoll und schwach
  • Leise Klänge wirken klein, beruhigend, friedlich, sanft, dämpfend und fein

Variation der Tonhöhe

Die Tonhöhe eines Klangs deutet oft auf physikalische Höhe hin.

  • Hohe Klänge wirken erfreulich, leicht, spröde, rührend, freudig erregend, reizvoll und schwach
  • tiefe Klänge wirken hingegen kraftvoll, ernst, böse und bedrückend

Die Variation der Tonfarbe

  • Dur vermittelt Kraft, Vitalität, Energie, Helligkeit, Glanz und wirkt aufweckend
  • Moll erzeugt Schwermut, Sehnsucht und ängstliche Besorgtheit

Auswahl der Klänge

  • Reine, kleine Töne mit Flöten und Streichern vermitteln Reinheit, Schwäche, Einfachheit, Sanftheit, Zartheit
  • Bläser und metallische Klänge verkörpern Kälte, Bitterkeit, wirken kraftvoll, bösartig, hart und kriegerisch
  • Oboe und Klarinetten werden oft eingesetzt, um Sanftheit, Sehnsucht, Nostalgie und Melancholie zu erzeugen
  • Pauken wirken dramatisch, kraftvoll und bedeutend

THX

Dieses Hintergrunds bewusst entwickelte George Lucas 1980
in den so genannten Tomlinson Holman eXperiments für den Film „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ THX als Akustikstandard für Filmtheater. Ziel dabei war es, einen Filmtonstandard zu schaffen, der zum einen die hohen Anforderungen der Filmtonproduktion gerechtfertigt erscheinen lässt und zum anderen auch die vom Regisseur erwünschte Wirkung des Films dem Publikum vermittelt.
„Der Ton macht 50% des Kinoerlebnisses aus“
George Lucas 1980

THX ist dabei wie weitläufig geglaubt kein eigenes Tonformat, sondern stellt höchste akustische Anforderungen an die Räumlichkeiten und die Soundanlage der Abspieltheater.
Nur wenn diese Anforderungen erfüllt werden, darf sich das Filmtheater das Gütesiegel THX auf die Fahnen schreiben.

Der Ton

Ton wird im Gegensatz zu Bildern (Wahrnehmung in 1/50 sec)
je nach Wahrnehmungserfahrung erst nach 3 Sekunden erkannt. Er lässt geschnittene Bilder kontinuierlich und lebendig erscheinen. Näher betrachtet setzt sich Ton aus Wortsprache und einer Geräuschkulisse, die auch als Atmo bezeichnet wird, zusammen.

Die Geräuschkulisse verleiht dem Bild Raumcharakter
(zum Beispiel Stadt, Land), kann aber auch gezielt zur stimmungsmäßigen Beeinflussung (zum Beispiel spielende Kinder, lieblicher Vogelgesang, Gewitter, Donner) eingesetzt werden und vermittelt dem Zuschauer mehr als er im Bild sieht.

Geräusche werden in synchrone und asynchrone Töne unterschieden:
Synchrone Töne kommen in den Handlungen und Ereignissen des Bildes vor (zum Beispiel Schritte).
Asynchrone Töne (zum Beispiel Vogelatmos, fahrende Autos, Hundegebell) kommen zwar in der Realität des Bildes vor,
sind aber nicht zu sehen.

Während synchrone Geräusche beim Betrachten aus dem Bewusstsein ausgeschlossen werden, werden vom menschlichen Ohr asynchrone Geräusche bevorzugt. So kann man beispielsweise mit einem Geräusch aus dem Off die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf ein Ereignis außerhalb des Bildes lenken (zum Beispiel Martinshorn, Sirene) oder einen Übergang zu einem anderen Schauplatz (zum Beispiel Zuschlagen einer Tür) schaffen.

In Verbindung mit einem harten Tonschnitt bei einer Paralellmontage lässt sich auch gezielt die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf den Ton lenken. Als Faustregel gilt für das Wechselspiel zwischen Bild und Ton, dass je mehr die Ohren entlastet werden, desto mehr Aufmerksamkeit das Bild erhält und umgekehrt.

Der Arbeitsprozess

Ein grundsätzliches Problem bei Filmschaffenden besteht oftmals in dem nicht ausgeprägten Bewusstsein für die Wirkung von Filmmusik für das Endprodukt, so dass Musik meist erst nach Fertigstellung des Films beauftragt wird und der Musiker deshalb unter enormem Zeitdruck arbeiten muss.

Der eigentliche Arbeitsprozess des Filmmusikers beginnt beim ersten Meeting mit dem Regisseur. Der Musiker muss dabei herausfinden, welche Stimmungen und welche Inhalte der Geschichte mit der Musik vermittelt werden sollen.
Außerdem sind zu berücksichtigen: die innere Haltung und Entwicklung der Charaktere sowie die Vorwegnahme von Möglichen Plots oder Handlungen der Geschichte. Für den Regisseur empfiehlt sich daher, bereits bei der Erstellung des Storyboards mit dem Musiker zusammenzuarbeiten und ein Emotionskonzept für die Musik zu entwerfen. So kann gerade im Vorfeld bei reiner Animation die Bildgestaltung durch gezielten Einsatz von Geräuschen optimiert und der Arbeitsaufwand reduziert werden
(siehe Möglichkeiten des Filmmusikeinsatzes).

Außerdem kann der Musiker, der sich gut mit dem Genre Film und Bildschnitt auskennen muss, schon unterstützend bei der Bildgestaltung und dem Entwurf des Storyboards zur Hand gehen, damit die Gesamtwirkung insgesamt noch präziser wird. Gerade unter dem Gesichtspunkt, dass Bild und Ton beim Zuschauer eine Einheit bilden (Musik sollte nicht mächtiger sein als die Bilder und umgekehrt) gilt für den Komponisten: Je besser die Bilder und der Schnitt geplant und die Geschichte erzählt werden, desto dramatischer und einfühlsamer kann der Komponist auch seine Musik gestalten. Und desto besser ist die Gesamtwirkung des Films.

Sind diese eben genannten Schritte abgeschlossen, wählt der Musiker bewusst die für die Musik zu verwendenden Instrumente aus. So erzeugen bestimmte Instrumentengruppen und Spielweisen verschiedene Emotionen beim Zuschauer
(siehe der Klangeinsatz und dessen emotionaler Effekt).

Danach erfolgt der Entwurf eines so genannten Layouts (oftmals in verminderter, nicht professioneller Qualität), damit der Regisseur einen ersten Eindruck der Richtung der Musik erhält.

Treten im Film wichtige Charaktere auf, erhalten diese ein eigenes musikalisches Thema, das bei Auftreten derselben dann variiert immer wiederkehren kann. Dadurch kann man beim Zuschauer Personen mit bestimmten Gefühlen und Stimmungen verbinden. Beim späteren Filmverlauf können diese dann durch Wiederauftreten der Themen wieder abgerufen und erinnert werden.

Steht genügend Zeit zur Verfügung, erfolgt die Musikkomposition in kontinuierlicher Rücksprache mit dem Regisseur, um frühzeitig Fehlinterpretationen und Fehlentwicklungen zu vermeiden und das Endergebnis noch kreativer zu gestalten.

Die Post Production

Zur Post Production gehören alle Vorgänge, die zur Erstellung des Filmtons gehören.

Parallel zur Musikkomposition werden je nach Größe des Projekts im Team Dialoge, Atmos und Sound FX erstellt, wobei verwendbaren Teile des Originaltons übernommen und unbrauchbare Passagen nachsynchronisiert beziehungsweise nachdesigned werden. Anschließend werden auf einzelnen Tonspuren Vormischungen in den Kategorien

  • Dialoge
  • Musik
  • Vordergrund FX
  • Hintergrund FX

erstellt, die dann dynamisch als Master zusammengemischt werden. Außerdem müssen Mischungen für fremdsprachige Filmversionen berücksichtigt werden.

Arbeiten im Tonstudio

Bei der Musikproduktion ergänzen sich Harddiscrecording und Echtzeiteditierung. Harddiscrecording wird oftmals im Bereich von Sprechern und live gespielten Instrumenten eingesetzt, während die Echtzeiteditierung in den Bereichen Komposition, Sound FX Design und Klang- und Effekteditierung anzusiedeln sind.

In der Regel spielt der Musiker seine Ideen über eine Klaviertastatur in den Rechner (Macintosh, PC, Atari) in einen Sequenzer ein. Dieser merkt sich Länge, Anschlag und Ausdruck des Spielens und steuert die Klangerzeuger mit den entsprechenden Abspieldaten an. Bei den Klangerzeugern gibt es neben Synthesizern auch Sampler, die es erlauben, jegliches „gesampletes“ Material abzuspielen. „Eingesamplete“ Klänge werden dabei einer Taste oder einem Tastaturbereich der Klaviatur frei zugewiesen. Beispielsweise wäre denkbar, über die Tastatur verteilt die erste Oktave mit einem Bassklang, die nächste mit Sound FX, die darauffolgende mit Atmos und Sprachpassagen und weitere mit einem Melodieklang zu belegen.

Die Audiosignale der Klangerzeuger werden in einem Mischpult zusammengeführt. In diesem können dann noch mal die Klangfarbe, die Relation der Lautstärken, Dynamikbearbeitung und Effekteinsatz (zum Beispiel Hall) aufeinander abgestimmt werden. Der Stereomasterausgang des Mischpultes wird an das Audiodat, das sich als Standard etabliert hat, ausgeführt und aufgezeichnet. Anschließen wird das auf DAT aufgenommene Musikstück digital in den Rechner gespielt und dort noch einmal gemastert, d.h. der Klang und der Pegel werden zur CD Pressung optimiert. Klangeditierung und Mastering sind bei den Tonstudios die geheimnisumwobensden Bereiche, in denen jedes Tonstudio seine eigene Philosophie vertritt.

Der entscheidendste Unterschied von Musikproduktion zur Grafikerstellung liegt im Echtzeitzugriff auf Klänge, Klangfarben, Tönhohen und die darauf gelegten Effekte. So können einzelne Klänge bequem ersetzt, Harmonien transponiert und ganze Arrangements komfortabel zu entsprechenden Versionen geremixt werden. (Anmerkung: Stand 1998 bei erscheinen des Artkels)

Möglichkeiten des Filmmusikeinsatzes

Die Möglichkeiten des Musikeinsatzes und Geräuschen sind in der Kombination mit Bildschnitt enorm. Musik und Geräusche erlauben, den Ort der Handlung und die Stimmung eines Charakters transparent zu machen, ohne jedoch mit unnötigen Bildern und überflüssigen Einstellungen von der eigentlichen Handlung abzulenken. Anhand einiger ausgewählter Beispiele möchte ich Ihnen einige praktische Überlegungen zum Toneinsatz mit auf den Weg geben.

Der Einsatz asynchroner Töne

Durch Off Geräusche, (zum Beispiel einer Sirene, einem Martinshorn oder zersplitterndes Glas) kann man besondere Aufmerksamkeit erreichen. Auch kann beispielsweise der Charakter einer Person (durch einen knurrenden Hund) beschrieben werden.

Unnatürliches Sound FX Design

kann die visuellen Wirkungen des Bildes verstärken. Zum Beispiel erhalten in großen Produktionen Raumschiffe tiefes Brummeln sowie Explosionen eine große Dynamik, obwohl im luftleeren Raum eigentlich nichts zu hören sein würde.

Stille im Film

kann überraschend laut und deutlich wirken und die Spannung vor einer Handlung erhöhen (zum Beispiel Zählen eines Zeitzünders auf null gefolgt von Ruhe). 

Realitätsverlust

kann erlangt werden, wenn die Geräuschkulisse weggeblendet wird.

mickey mousing

ist eine Kompositionsmöglichkeit, bei der jede Bewegung und jedes Verhalten exakt musikalisch umgesetzt wird. Es wird oftmals in kurzen Disney-Produktionen verwendet

Räumlich emotionale Bestimmung

Stellen Sie sich doch mal eine Szene vor, in der eine Frau einer Laterne im Dunkeln auf einer Straße entlanggeht, im Hintergrund steht eine leuchtende Laterne. Mit Hilfe eines Uhus, pfeifendem Wind und einer düster, mystischen Musik lassen sich sofort Dracula ähnliche Stimmungen hervorrufen, während die gleiche Szene mit Schifferklaviermusik, lachenden Menschen und Schiffatmos im Hintergrund an eine belebte Hafenszene erinnern.

Heiko Klüh

Mel O´Dee Heiko Klüh komponiert und produziert in seinem Tonstudio in Fulda Film- und Werbemusik und hat den animago AWARD Trailer 1998 von digital production vertont.

Verwendete Literatur

  • Seminarunterlagen der BAF, München 1997, Jan Bennert
  • The technique of television production, Oxford 1995, Focal Press
  • Keys 9/96, PPV Presse Project Verlags GmbH